Nepal

Nepal – rauf zum Thorong La, auf 5416m

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Je länger die Wanderung dauerte, desto höher kamen wir. Je höher wir kamen, um so kälter wurde es. Wir hatten bisher wirkliches Glück mit dem Wetter – kalt, aber sonnig und so lange die Sonne draußen war, war es auch ziemlich angenehm.

Während unseres Pausentages in Manang ließen wir es ruhig angehen. Wir wuschen Wäsche und kauften noch ein paar fehlende Equipmentgegenstände wie Wanderstöcke und dünne Handschuhe zum Darunterziehen. Wir tranken den ersten richtigen Kaffee seit Tagen, der nicht aus Instantpulver bestand und trafen auf einen Hund, der uns die Tage zuvor schon lange begleitet hatte. Um den Körper weiter an die Höhe zu gewöhnen und die Akklimatisierung zu unterstützen, machten wir ebenfalls einen kleinen Ausflug auf einen nah gelegenen Hügel etwa 200 Höhenmeter hoch und wieder zurück.

Am nächsten Tag war es dann soweit: Für die folgenden Tage war der Wettergott nicht mehr auf unserer Seite und dichte Wolken zogen auf. Die Temperatur fiel auf -8°C mit leichtem Schneefall.
Unsere Wanderung starteten wir wie schon gewohnt sehr routiniert. Nach wenigen Metern aber trat das ein, was sich schon am Pausentag angebahnt hatte: Wir mussten Alberto zurück lassen. Er hatte die kleine Wanderung am Vortag schon nicht mit gemacht, weil er über große Knieschmerzen klagte und sein Knie schonen wollte. Aber auch ein Tag Pause ließ sein Knie nicht wieder zu Kräften kommen und er musste schweren Herzens darauf warten, dass es seinem Körper wieder besser ging.
Wir verabschiedeten uns also von Alberto und hofften, dass er schnell wieder auf die Beine kommen würde. Unsere Fünfergruppe wäre also zu einer Vierergruppe geschrumpft, wäre da nicht ein Neuankömmling names Gus aus Schottland gewesen, der sich zu unserer Gruppe gesellte.

Wir wollten an diesem Tag eigentlich einen Umweg in Richtung Tilicho Lake machen – dem vermeintlich höchst gelegenen See der Welt. Man erzählte uns, dass die Russen hier schon vor langer Zeit ihre Kampftaucher unter widrigen Bedingungen trainiert hatten. Nachdem wir ein kleines Dorf namens Shreekharka erreichten, trafen wir auf zwei Australier mit Guide, welche wir schon die Tage zuvor einmal beim Mittagessen getroffen hatten. Sie kamen gerade vom Tilicho Lake, mussten aber vorher umdrehen und sagten uns, dass es zu gefährlich sei, bei dem vorherrschenden Wetter zum See zu gehen. Auch wenn man es schaffen würde, hätte man wegen starken Nebels nicht die Möglichkeit, irgendetwas vom See zu erkennen. Na Klasse! Wir beschlossen nach einigen Diskussionen, die Nacht im Dorf zu verbringen und am nächsten Tag weiter in Richtung Pass zu wandern. Leider versprach der Wetterbericht auch für die nächsten Tage keine Besserung.

Der nächste Tag war vor allem kalt und nass. Es machte aber irgendwie Laune ohne Steigeisen (auf die hatte ich verzichtet) die steilen, schneebedeckten Wege hoch zu laufen – und vor allem runter zu sliden. Ein Problem bei dieser Kälte war vor allem, dass mein Wasser in meinem Lifestraw gefror und ich viel zu wenig trank. Ich hatte abends starke Kopfschmerzen, war mir aber ziemlich sicher, dass es nicht die Höhe sein konnte, da ich nur ca. 500 ml Wasser den Tag über getrunken hatte – bei empfohlenen 4-5 Litern pro Tag.
Wir trafen recht früh in Yak Kharka auf circa 4018m ein. Den restlichen Abend/Tag verbrachten wir mit Kartenspielen und Geschichten erzählen mit weiteren Wanderern, welche sich schon in der Hütte befanden: Zwei Deutsche, fünf Spanier, ein weiterer Schotte und zwei Amerikaner. Es herrschte eine ziemlich entspannte, locker lustige Stimmung die zum Verweilen einlud.

Der nächste Morgen sorgte etwas für Verwunderung bei uns. Es hatte den ganzen Vortag durchgeschneit und auch in der Nacht gab es einiges an Schnee, sodass wir uns den Tag über durch ca. 70 cm Neuschnee schlagen mussten.
Zum Glück war am Morgen das Wetter und damit auch unsere Laune deutlich besser. Wir planten für diesen Tag lediglich eine kurze Etappe, da wir nicht wussten wie lange wir ohne jegliche Erfahrung bei „Schneewanderungen“ brauchen würden.

Wir erreichten unser eigentliches Ziel viel früher als erwartet und beschlossen eine Pause einzulegen, dann aber doch noch ein Dorf weiter zugehen.

Was auf diesem nächsten Streckenabschnitt passierte war ohne Übertreibung das abenteuerlichste, was ich bisher in meinem Leben getan habe:
Wir schlugen uns durch hüfthohen Schnee ohne zu sehen, ob wir auf dem wirklichen Weg waren. Wir konnten lediglich erahnen, ob wir auf dem schmalen Wanderweg liefen oder, ob wir auf Büschen abseits des Weges unterwegs waren. Wir wechselten uns immer wieder in der Führung ab, um den Weg zu „brechen“. Da die Sonne den ganzen Tag über geschienen hatte, war die oberste Schneeschicht angetaut und darunter wieder gefroren, sodass eine leichte Eisschicht auf dem Schnee lag. Diese Kombination aus anstrengender Wanderung – wir mussten unsere Füße meistens in die Fußstampfen des Vordermanns manövrieren und diese dazu immer Hüfthoch anheben – und der Höhe machte das Ganze bereits zu einem Abenteuer. Ich war noch nie zuvor auf einer solchen Höhe und tue mich auch immer noch schwer damit in Worte zufassen, was diese mit dem Körper macht. Ich bin zwei Meter gegangen und war außer Atem. Ich hatte aber das Gefühl der Sauerstoff aus der Luft kommt überhaupt nicht in meinen Lungen/Blut an. Die Luft hatte keine Substanz. Sie war einfach dünner.
Dann kam ein Abschnitt, der rückblickend betrachtet wirklich gefährlich war. Wir waren allerdings im Tunnel und haben diese Gefahr zwar wahrgenommen, uns blieb zu diesem Zeitpunkt aber nichts anderes übrig als da durch zu wandern. Ich spreche von einem Abschnitt, der von einem Schild eingeläutet wurde, welches Lawinengefahr voraussagte. Stellt euch vor, dass der bisherige Wanderweg schon schmal gewesen ist. Dieser wird nun noch schmaler. Ihr seht eine einzige weiße schiefe Ebene vor euch. Ihr wisst irgendwo auf dieser Ebene liegt der Weg. Ihr wisst nur nicht wo. Rechts daneben geht es gefühlt 500m steil in die Tiefe und links ebenso steil bergauf. Mir ist erst nachher aufgefallen, dass in dieser Passage niemand ein Wort gesprochen hat. Es war mucksmäuschenstill. Nur das Knacken im Schnee und die angestrengte Atmung der Leute waren zu hören. Die Blicke wanderten immer wieder zwischen Konzentration auf die Füße und den Berg hinauf.

Verloren in Zeit und Raum kamen wir komplett am Ende unserer Kräfte auf 4500m in Thorong Phedi an. Jedem Einzelne der Gruppe wurde alles abverlangt und das sah man auch in den Gesichtern. Wir bezogen unsere Zimmer und wärmten uns mit der vertrauten Truppe vom Vortag am Ofen in der Gemeinschaftshütte. Die Spanier sorgten am Abend für gute Laune. Einer von Ihnen hatte eine Gitarre mitgebracht und zusammen sangen sie spanische Lieder. Nachdem wir gegessen hatten und wieder einigermaßen warm waren, war dies ein willkommener Ausklang des Tages. Zwei Guides waren sich nicht einig über das Wetter oben am Pass in den nächsten Tagen. Wir diskutierten ob es für uns sinnvoll wäre, bereits am nächsten Tag den Pass zu überqueren. Wir beschlossen am nächsten Tag lediglich bis zum relativ nahen High Camp zu wandern und am darauf folgenden Tag den Pass zu überqueren. Einige andere waren unter Zeitdruck, hatten einen Flug von Jomsom gebucht und waren darauf angewiesen, schon am nächsten Tag den Pass zu überqueren. In der Nacht hatte ich glaube ich die beste Nacht in diesen Höhenlagen – kein Wunder bei der Anstrengung dieses Tages.
Apropos Schlaf: Eine weitere Nebenwirkung der Höhe ist, dass man bzw. ich nie mehr als ein bis zwei Stunden am Stück schlafen konnte.
Diejenigen, die schon am nächsten Tag über den Pass mussten, brachen bereits um circa vier Uhr in der Nacht auf. Für uns ging es am nächsten Tag erstmal weiter zum High Camp. Ein lediglich kurzer Anstieg stand bevor. Allerdings mit Abstand der steilste auf dem ganzen Annapurna Circuit. Zwei Stunden brauchten wir für „nur“ einen Kilometer, um auf 4900m zu klettern.

Im High Camp angekommen aßen und tranken wir den Tag über viel, spielten wieder unser lieb gewonnenes Durak und versuchten etwas zu entspannen, bevor es dann am nächsten Tag um 04:30 Uhr aus dem Bett ging , um anschließend um circa 5:30 Uhr zum Pass aufzubrechen.
„Warum so früh?“, werdet ihr euch fragen.
Man sagte uns, dass die Passüberquerung früh morgens am bestens sei, weil der Wind im Laufe des Tages stark zunehmen würde und man den Ausblick nicht wirklich genießen könne. Also gut. Also brachen wir in fast kompletter Dunkelheit auf. Der Mond bot uns etwas Licht, aber auch unsere Taschenlampen reichten nur gerade aus, um uns den Weg finden zu lassen. Eine gefühlte Ewigkeit liefen wir so, einer nach dem anderen, in einer Kolonne aus Lichtern, durch die Dunkelheit. Das Thermometer zeigte irgendwas zwischen -30°C und -35°C. Ich versuchte einfach nicht stehen zu bleiben und meinen Körper in Bewegung zu halten. Ich bewegte Zehen und Finger so gut es ging, aber sie schmerzten gnadenlos und glichen eher einem Eisklumpen. Ich habe noch nie solche Schmerzen in Zehen und Fingern empfunden. Irgendwann tauchte der Gedanke in meinem Kopf auf, dass es bestimmt einige der Zehen und/oder Finger nicht überleben werden. Dann dachte ich wieder, solange ich Schmerzen spüre, werden sie noch mit Blut versorgt. Also waren meine Schmerzen ein gutes Zeichen, welches mir ein klein wenig Hoffnung gab.
Nach einer Weile – Zeitangaben waren zu diesen Zeitpunkt nicht mehr möglich, ich weiß nur so viel, dass der Horizont langsam blau wurde – fanden wir eine kleine Nothütte, in der wir kurz Pause machten. Einer der Guides meinte an dieser Stelle zu uns, dass er nun von jedem 20 Dollar einsammeln würde, sonst würde er uns den Weg nicht weiter zeigen. Drei Spanier, Marc, Elisa, Emilie und ich beschlossen, dass wir das auf keinen Fall machen würden und zogen auf eigene Faust weiter in Richtung Pass. Ob das klug war, ohne wirkliche Erfahrung und Ahnung wo wir hinmussten, weiß ich nicht – es war jedenfalls eine der besten Erfahrungen meines Lebens!
Nachdem die Sonne aufgegangen war, legte sich auch schnell die Kälte und es wurde sogar warm unter den vielen Schichten. Ich will nicht sagen, dass es einfach war den Weg zum Pass zu gehen. Vielleicht hat es sich einfach nur super angefühlt als „Bergführer“ diese unberührte weiße Berglandschaft vor sich zu sehen. Eine unbeschreibliche Weite bot sich unseren Augen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Es fühlte sich so an, als ob wir nun wirklich auf dem Dach der Welt angelangt waren.

Nachdem wir einige Stunden alleine voraus gegangen waren, erreichten wir den Thorong La – den Pass. Wie aus dem Nichts machte sich eine unbändige Freude in uns breit und wir vielen jedem aus unserer Gruppe in die Arme. Wir posierten natürlich für das ein oder andere Bild und konnten aber eigentlich gar nicht wirklich glauben, dass wir es bis hierher geschafft hatten. Wir konnten ebenfalls nicht glauben, dass es von nun an nur noch bergab gehen würde. Wir waren auf 5416m angekommen!

Der Weg runter war für mich allerdings die reinste Tortur. Ich bekam zunehmend Knieschmerzen und war heil froh später in Muktinath auf 3600m angekommen zu sein. Wir waren also innerhalb eines Tages 500m hoch und dann 1800m wieder runter gewandert.
Wir trafen auf dem Weg hinunter in einem kleinen Dorf auf ein paar Einheimische, welche uns eine Geschichte von einigen Wanderern vom Vortag erzählten. Sie hätten erzählt, dass sie in einen Schneesturm geraten waren und vier Stunden in einer Nothütte warten mussten. Sie verbrannten Plastikreste aus ihren Taschen um sich zu wärmen, bevor sie weiterwandern konnten. Als wir das hörten, waren wir natürlich besorgt um unsere neu gewonnenen Freunde, welche sich schon einen Tag früher aufgemacht hatten. Aber wir waren auch etwas erleichtert, dass wir entschlossen hatten noch einen Tag mehr zu warten. Wie sich später herausstellte, ging es aber allen Beteiligten gut.
Fun fact: Der Hund, der uns schon einige Tage begleitete ist ebenfalls zusammen mit der Truppe vom Vortag über den Pass gewandert. Später erfuhren wir, dass immer wieder Hunde auf der Hoffnung nach Futter Touristen über den Pass begleiten würden.

Die nächsten Tage waren deutlich weniger ereignisreich und aufregend. Wir machten eine weitere Tagesetappe nach Jomsom hinunter auf 2700m. Wir hatten den Luxus, unsere Rucksäcke in einem Jeep transportieren zu lassen, weil einige von uns Erfrierungen erlitten hatten und nicht weiterlaufen konnten und einen Jeep nach Jomsom nahmen.
Von Jomsom aus ging es mit dem Bus am nächsten Tag in Richtung Tatopani. Tato heißt so viel wie heiß und pani so viel wie Quellen. Ihr könnt euch also vorstellen, warum wir diesen Ort anpeilten.

Auf der Busfahrt durften wir nochmal das ganz normale Leben in Nepal kennen lernen. Mehr wackelnd und hüpfend ging es immer nah am Abgrund auf einer „Straße“ hinunter. Zwischendurch mussten wir zwei Mal für je circa eineinhalb Stunden anhalten. Ein Erdrutsch hatte die Straße unpassierbar gemacht und die Bagger waren schon am Werk. Die Nepali warteten seelenruhig – für sie absolut nichts besonderes. In Tatopani angekommen relaxten wir in den heißen Quellen bevor es am nächsten Tag wieder zurück in die Zivilisation nach Pokhara ging.

In Pokhara verbrachte ich noch drei Tage mit den Australiern, Marc und Elisa. Wir gingen klettern und kauften ein paar Souvenirs. Ich lag an einem Tag in einer Hängematte auf dem Dach meines Hostels, als ich von hinten nur „Hey man!“ hörte. Es war Alberto! Er hatte es geschafft. Ich freute mich total ihn wieder zusehen und wir konnten sogar noch an meinem letzten Abend in Pokhara ein Bier zusammen trinken.
Ich freute mich allerdings auch schon auf zu Hause. Diese letzten Tage in Nepal waren für mich ziemlich entspannt, aber wirkten surreal. In ein paar Tagen würde ich nach über 200 Tagen wieder deutschen Boden betreten. Gefühlt verlief also alles nach der Passüberquerung wie im Zeitraffer für mich und ehe ich mich versah, saß ich schon im Bus zurück nach Kathmandu und im Flieger nach Deutschland.

Nepal, du bist großartig – ich komme wieder, irgendwann!

Manuel

2 Gedanken zu „Nepal – rauf zum Thorong La, auf 5416m

  1. Lieber Manuel, herzlichen Glückwunsch zu diesem sehr gut geschriebenen Blog und der hervorragenden Leistung bei der Wanderung. 👍 Die einzelnen Erfahrungen konnte ich mit großer Spannung nachvollziehen. Es sind Erlebnisse an die noch in Jahrzehnten denken wirst.
    Nun genieße die Zeit und plane die nächsten Reisen!
    Mit freundlichen Gruß
    Horst

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